Die Evangelisation hat in den Freien evangelischen Gemeinden eine lange, gute Tradition.  Träger der Evangelisationsarbeit für die ersten Freien evangelischen Gemeinden war seit 1850 der „Evangelische Brüderverein“. Dieser Verein, der von dem maßgeblichen Gründer der Freien evangelischen Gemeinde, Hermann Heinrich Grafe (1818-1869) mit ins Leben gerufen wurde, verstand sich als konfessionsübergreifender Evangelisationsverein, d.h. er sah es nicht als seine Aufgabe an, Gemeinden zu gründen, sondern half schon bestehenden christlichen Kreisen bei ihrer Verkündigungsarbeit. Hierfür stellte er ihnen Evangelisten, die sogenannten „Sendboten“, zur Verfügung. Freilich förderte eine solche Unterstützung auch die Eigenständigkeit von Gemeinschaften. Denn eine Einladung zu Jesus Christus ist zugleich Einladung zu seiner Gemeinde, und immer wenn Menschen zum Glauben finden, suchen sie auch eine Gemeinschaft, in der dieser Glaube gelebt werden kann. So führte die Arbeit des Brüdervereins auch zu Gemeindegründungen, obschon man daran zuerst nicht gedacht hatte. Viele noch heute bestehende Freie evangelische Gemeinden hatten in dieser Missionsarbeit ihren Ursprung.

Überhaupt war die Evangeliumsverkündigung von Anfang an „typisch FeG“. Für Hermann Heinrich Grafe, der selbst evangelistische Traktate schrieb und auch verteilte, war es besonders wichtig, dass die Evangeliumsverkündigung im Einklang war mit der gelebten Glaubensüberzeugung, die nicht zuletzt in der Liebesgemeinschaft einer Ortsgemeinde sichtbar wird: „Man wird immer am wirksamsten das Evangelium verkündigen, wenn die Personen, an welche man sich wendet, fühlen, dass man aus Liebe zu ihnen spricht“ (Tagebuch II, 15.1.1854).  Evangelisation ist für Grafe weniger äußere Organisation als Herzenssache und je mehr von Erfolg gekrönt, desto mehr das Herz vom Geist Gottes erfüllt ist. Diese Skepsis Grafes gegen die Machbarkeit von Mission deutet eine gewisse Zurückhaltung gegenüber Missionskonzepten an, wie sie später zum Durchbruch kamen und entsprach der Mentalität der ersten Gründergeneration.

Die missionarische Beziehung zu den Menschen entscheidet sich für Grafe an der Beziehung zum Herrn: „Die wirksamste Art der Verkündigung des Evangeliums ist die, das Herz recht voll zu haben, damit so der Mund übergehe. Die künstlichen Vorbereitungen sind nur Krücken des Kleinglaubens, der mehr den Menschen, als den heil. Geist zu Hülfe nimmt. – Wer viel von Gott reden will, muss noch mehr zu ihm reden, sonst predigt er sich selber. – Der rechte Verkehr mit Christo setzt uns auch in den rechten Verkehr mit den Menschen, um sie zu Christo zu führen, der selbst der Weg ist“ (Tagebuch IV, 18.10.1855).

Nichts sollte in seinem Leben wichtiger sein, als Menschen die Heilsbotschaft anzusagen, ohne die sie sonst verloren sind. So schrieb er in sein Tagebuch: „So angelegentlich, wie mir neulich ein reisender Franzose seine Stiefelwichse anpries, habe ich noch nie einem Sünder das Heil in Christo verkündigt. Ist das nicht beschämend für mich! Die Liebe zu den Seelen ist oft nicht so groß, wie die Liebe zu dem Gelde oder der Ehre oder dem Wohlleben. – Gib mir, lieber Herr, mehr wahrhaftige und brünstige Liebe zu den Verlorenen, auf dass sie durch dich selig werden!“ (Tagebuch VII, 20.12.1861).

„Wer viel von Gott reden will, muss noch mehr zu ihm reden, sonst predigt er sich selber.“ – Hermann Heinrich Grafe